 |
|
|
|
|
|
Meine Rede zur Landowsky-Affäre vom 15.3.2001
zum:
Antrag der Fraktion der SPD über Einsetzung
eines Untersuchungsausschusses zur Aufklärung
der Vorgänge bei der Berliner Bankgesellschaft,
der Landesbank Berlin und des Umgangs
mit Parteispenden
Müller (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
Nach wochenlangen Diskussionen, in der Dinge zum Thema
Bankgesellschaft und Spendenpraxis innerhalb der CDU ans
Tageslicht gekommen sind, die man vor kurzer Zeit kaum für
möglich gehalten hätte, beraten wir heute über die Einsetzung
eines Untersuchungsausschusses zu diesen Vorgängen. Ich bin
der festen Überzeugung, es ist richtig, wichtig und überfällig,
dass dieser Ausschuss nun endlich auch seine Arbeit aufnimmt,
dass er kommt und dass er möglichst auch umfassend zur Aufklärung
der vielen offenen Punkte beiträgt.
Einige Verantwortliche in der CDU sind offenbar nicht willens
oder nicht in der Lage, hier aus eigenem Antrieb für Aufklärung
zu sorgen.
[Niedergesäß (CDU): Na, na!]
Wenn man den Regierenden Bürgermeister vor wenigen Tagen
erst - nach achtwöchiger Diskussion immerhin - im SFB sagen
hört: Jetzt einmal Hosen runter und alles auf den Tisch, dann hat
das ja durchaus hohen Unterhaltungswert, das kann man nicht
bestreiten, aber es hilft in der Sache nicht unbedingt weiter.
[Doering (PDS):
Wo ist denn der Diepgen überhaupt?]
Viele offene Fragen, insbesondere zur Aubis-Spende, hätte man
sicher von Seiten der CDU aufklären können und müssen, wenn
man es denn gewollt hätte. Geschehen ist so gut wie nichts.
Und an einem Beispiel wird es noch einmal ganz besonders
deutlich, unter welchem Realitätsverlust inzwischen die CDU-Fraktion
leidet
[Unruhe bei der CDU]
und dass einige auch immer noch nicht verstanden haben,
worum es hier eigentlich geht. Und das ist, ich habe es beim letzten
Mal schon gesagt, dieser Punkt, der wieder in Ihrem Fragenkatalog
zum Untersuchungsausschuss auftaucht,
[Doering (PDS): Was für ein Fragenkatalog?]
nämlich der Punkt Zehlendorf-Steglitz, mit dem Sie da wieder
kommen. Ich will es hier noch einmal ganz deutlich sagen: Es
geht hier nicht um die Verfehlung eines Einzelnen oder um
irgendwelche Petitessen, es geht um Barspenden in einer Bank,
die für die CDU bestimmt waren, aber dort nie ordentlich abgerechnet
wurden. Es geht um Millionenkredite an diese Spender,
die offenbar als Qualifikation für diese Millionenkredite nichts anderes
vorzuweisen hatten als ihre CDU-Mitgliedschaft.
[Beifall bei der SPD, der PDS und den Grünen]
Wir sprechen von mehreren Sonderprüfungen des Bundesaufsichtsamtes
für das Kreditwesen bei der Bankgesellschaft,
das dann auch gleich entsprechende Beanstandungen vornimmt.
Da werden bei einigen Vorstandsmitgliedern die persönliche
Zuverlässigkeit und fachliche Eignung bezweifelt, woraufhin
der CDU-Fraktionsvorsitzende seinen Posten bei der Berlin-Hyp
vorzeitig aufgeben muss und einige seiner Kollegen gleich
mit.
Aber damit nicht genug. Es geht um Vorstände der Bankgesellschaft,
die für sich und befreundete Topmanager aus anderen
Unternehmen Fonds auflegen, mit denen sie satte Gewinne einstreichen
konnten, während alle Risiken dieser Geschäfte weiterhin
beim Land Berlin blieben. Teilweise haben die gleichen
Vorstandsmitglieder bei Immobiliengeschäften Freistellungserklärungen
für Strohmänner unterzeichnet, wo wiederum die Risiken
auf die eigene Bank abgewälzt wurden und nicht bei denen
blieben, die sich an diesen Immobiliengeschäften beteiligt
haben.
Und es geht hier um das System, nach dem hier offenbar zum
Schaden des Landes gehandelt wurde, auch an vielen Gesetzen
und bankinternen Richtlinien vorbei.
[Beifall bei der SPD, der PDS und den Grünen]
Das ist auch genau die Stelle, an der ein deutlicher Schnitt
gemacht werden muss. Dass diese Herren, die all das zu verantworten
haben, und dass insbesondere auch Herr Landowsky
noch jahrelang ein Gehalt von 700 000 DM von der Bank beziehen
sollen und dass dann eine Pension in Höhe von
350 000 DM pro Jahr kommen soll, ist wohl kaum noch jemandem
zu vermitteln. Und dass ein ehemaliger Bankvorstand, der
offenbar seiner Abberufung nur durch einen Rücktritt zuvor -
gekommen ist, dem man vorwerfen kann, das Parteiengesetz
gebrochen zu haben, der bei fragwürdigen Fondsgeschäften
beteiligt war und der natürlich auch eine große Mitverantwortung
für die Schieflage trägt, in der sich die Bankgesellschaft befindet,
der muss sich doch selbst fragen, ob er in solch einer herausragenden
Funktion wie der des Fraktionsvorsitzenden überhaupt
noch tragbar ist.
[Beifall bei der SPD, der PDS und den Grünen]
Zumindest den Landesvorsitzenden und Regierenden Bürgermeister
müssen diese Fragen doch beschäftigen, spätestens
doch nach den Äußerungen von Herrn Franke zu diesem Thema.
Das kann nicht einfach spurenlos an der CDU-Fraktion vorübergehen.
Dass man hier einen Ehrenrat benötigt, um in dieser Situation
überhaupt zu einem ehrenvollen Abschied zu finden, ist schon
erstaunlich. Je länger - davon bin ich fest überzeugt - wir diese
Fragen ständig diskutieren müssen, desto weniger ehrenvoll
wird dieser Abschied sein. Man könnte beinahe sagen, die Berliner
CDU muss selber wissen, was sie tut, was geht uns das
eigentlich an, wenn nicht auch gerade die Zukunft der Bankgesellschaft
und insbesondere die über 16 000 Beschäftigten der
Bankgesellschaft von diesen ganzen Vorgängen betroffen
wären.
[Beifall bei der SPD, der PDS und den Grünen]
Es muss hier in allernächster Zeit zu grundlegenen Strukturentscheidungen
und zu wirklich tiefen Einschnitten kommen. Der
Imageschaden für die Bankgesellschaft, den Wirtschaftsstandort
Berlin und die Verunsicherung bei den rund 16 000 Beschäftigten
des Konzerns und die noch zu erwartenden erheblichen
finanziellen Risiken - immerhin in einer Höhe von rund 135 Millionen
DM - sind Dinge, die als Probleme noch hinzukommen, sich
aber kaum kurzfristig lösen lassen.
Aber es ist auch nicht länger hinzunehmen, dass Berlin in
diesem Zusammenhang weiter als Hauptstadt von Filz und Korruption
bezeichnet wird und dass täglich neue Indiskretionen aus
der Bank heraus ein normales Bankgeschäft nahezu unmöglich
machen.
[Beifall bei der SPD]
Wir müssen hier gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, um die
Bankgesellschaft aus ihrer schwierigen Lage zu befreien. Die
CDU-Fraktion wird dazu kaum in der Lage sein, mit einem Fraktionsvorsitzenden
Landowsky, unbefangen all diese wichtigen
Fragen, die ich eben aufgezählt habe, für die Stadt in den Griff zu
bekommen, da sie ja, wie man es gerade auch beim letzten Koalitionsausschuss
gesehen hat, bei den entscheidenden Fragen,
bei den entscheidenden Stellen gar nicht mehr vertreten ist in
solchen Runden, wenn der Fraktionsvorsitzende den Raum verlassen
muss.
Und auch heute hat man wieder ein aktuelles Beispiel dafür,
wie handlungsunfähig die CDU-Fraktion inzwischen an vielen
Punkten geworden ist, wenn man hier vor der Tür hört, dass es
heute Abend eine SFB-Sendung zu all diesen Vorgängen - Korruption
in der Stadt usw. - geben wird, und man dann weiß, dass
die CDU-Fraktion nicht einmal mehr einen Vertreter zu einer
solchen Diskussionssendung entsenden will,
[Heiterkeit]
Dann zeigt dies auch, in welch desolater Lage sich inzwischen
die CDU-Fraktion befindet!
[Beifall bei der SPD, der PDS und den Grünen]
Es hat inzwischen wirklich schon tragische Züge. Man kann an
der Stelle nur noch die jüngeren Abgeordneten in der CDU-Fraktion
auffordern, sich nicht mehr weiter einlullen zu lassen, sondern
endlich auch das Zepter in die Hand zu nehmen, damit wieder
zu einer vernünftigen Sacharbeit für die Stadt zurückgekehrt
werden kann.
[Beifall bei der SPD]
In erster Linie wird der Finanzsenator in Vorlage gehen müssen
und ist als Aufsichtsratmitglied gefordert, entsprechende Konzepte
vorzulegen. Aber nicht nur Sie, Herr Kurth, müssen handeln,
sondern auch Herr Branoner. Es ist bezeichnend, dass er
heute wieder fehlt. Der Wirtschaftssenator ist an diesem Punkt,
wie so oft bei wichtigen wirtschaftspolitischen Debatten in der
Stadt, völlig abgetaucht. Es findet seit einigen Wochen überhaupt
nichts mehr statt. Auch hier müssen wir weiterhin Druck
ausüben. Es kann nicht sein, dass die beiden wichtigsten Aufsichtsratsmitglieder,
der Wirtschafts- und der Finanzsenator,
sich hier teilweise an den Diskussionen um die Zukunft der Bankgesellschaft
überhaupt nicht mehr beteiligen. Von Ihnen müssen
jetzt Strukturentscheidungen vorbereitet und Konzepte vorgelegt
werden, die eine Befreiung der Bankgesellschaft aus dieser
Schieflage überhaupt erst ermöglichen.
Auch Herr Rupf, das muss deutlich gesagt werden, muss
seine Versprechen einlösen und ohne Ansehen von Personen
mit gleichen Maßstäben konsequent innerhalb der Bankgesellschaft
durchgreifen.
[Beifall bei der SPD]
Ich möchte jetzt noch einige Anmerkungen machen, ohne
dabei ins Detail zu gehen, weil wir die Diskussion dazu erst noch
führen müssen. Ich warne davor, jetzt schon wieder mit langfristigen
Verträgen und übereilten Personalentscheidungen erneut
Strukturen festzulegen, aus denen man später wiederum vielleicht
schwer herauskommt. Wir müssen zunächst die Debatte
darüber führen, was wir mit der Bankgesellschaft erreichen wollen,
welche Aufgaben sie für das Land Berlin übernehmen muss
und von welchen Dingen man sich vielleicht auch trennen kann.
Punkte wie die Kostenstruktur des Konzerns oder die Zwei-Marken-
Strategie mit Berliner Bank und Sparkasse muss man genau
überprüfen. Entsprechend muss man dann, auf diese Entscheidung
bezogen, die Struktur- und Personalentscheidung anpassen
und darf sich nicht schon vorher durch lange Verträge binden.
Es muss vor allen Dingen verhindert werden, dass das tägliche
operative Geschäft des Konzerns weiterhin ständig politischen
Interessen unterworfen wird und es weiterhin zu Verquickungen
an dieser Stelle kommt. Für all dies ist es zunächst einmal dringend
erforderlich, den Stall auszumisten, personelle Einschnitte
vorzunehmen und Fakten auf den Tisch zu legen, um einen wirklichen
Neuanfang zu ermöglichen.
In dem Untersuchungsausschuss wird die SPD-Fraktion den
Vorsitz stellen. An dieser Stelle möchte ich noch einmal verdeutlichen,
dass wir uns nicht vorschreiben lassen, wer den Vorsitz
stellen wird. Darüber entscheidet die SPD-Fraktion allein; an
dieser Stelle sollte die CDU-Fraktion etwas zurückhaltender
sein.
[Beifall bei der SPD, der PDS und den Grünen -
Kittelmann (CDU):
Das ist wie bei dem Fraktionsvorsitzenden!]
- Ich glaube schon, dass dies ein qualitativer Unterschied ist,
Herr Kittelmann, weil dieser Ausschuss ihretwegen eingerichtet
wird. Es geht darum, Vorgänge in Ihrer Fraktion zu untersuchen.
An der Stelle sollten Sie etwas leiser sein. - Die SPD-Fraktion
wird in dem Ausschuss eine wichtige Aufgabe übernehmen. Im
Interesse der Bankgesellschaft, der Beschäftigten, der Kunden
und nicht zuletzt auch im Interesse der Steuerzahler, denen
dieser Konzern immer noch mehrheitlich gehört, werden wir
dafür sorgen, dass der Ausschuss zügig arbeitet und möglichst
bald zu Ergebnissen kommt.
[Beifall bei der SPD]
|
|
|